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Umweltschutz, soziale Verantwortung und gute Unternehmensführung als Nebenbedingung der Geldanlage

© Joachim Löning

Versucht man als Selbstentscheider bei der Geldanlage nachhaltige Entscheidungen zu treffen, wird allerorts auf die ESG-Kriterien Umweltschutz (Environmental), soziale Verantwortung (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) verwiesen. Ein investitionswilliger Anleger trifft aus einer Reihe von Unternehmen oder Branchen eine Auswahl und investiert in solche Titel, die den ESG-Kriterien am besten entsprechen. Idealerweise hat er dazu eine Art subjektiven Kompass zur Verfügung, der ihm hilft, sich zu entscheiden und der ihn zu einem Portfolio führt, das seine Präferenzen und Ziele repräsentiert.

Die ESG-Kriterien lenken des Blick des Anlegers in eine bestimmte Richtung. Leider ist damit die finale Entscheidung für ein Unternehmen noch nicht vollzogen, weil die resultierende Menge der möglichen Investments noch immer groß ist. Man behilft sich dann ganz praktisch mit weiteren Auswahlmechanismen und sucht Unternehmen, die „nichts Schlechtes tun“, „das Richtige tun“ oder aber, wenn die Lage nicht eindeutig ist, „das geringste Übel anrichten“.

Hat der Selbstentscheider dann investiert und eine Passung des Portfolios zu seinen Präferenzen und Zielen hergestellt, erzeugt das eine unmittelbare subjektive Rendite. Subjektive Renditen sind etwas anders gelagert als objektive Renditen in Form von Wertsteigerungen: Ich habe mich schließlich nach meiner Analyse entschieden, Gutes zu tun. Das steht erstmal für sich und wird von einer negativen objektiven Rendite ja nicht einfach widerlegt. Vielleicht muss ich einfach noch ein wenig warten, bis sich auch die erhofften finanziellen Renditen positiv entwickeln.

Nachhaltige Portfolioberatung

Während ein DIY Investor sich eine subjektive Rendite erlauben mag, benötigt eine Bank, die über ihre Tools nachhaltiges Investieren organisieren möchte, eine andere, strukturiertere Vorgehensweise, bevor sie ihren Kunden das gute Gefühl einer subjektive Rendite erschließen kann.

Die Bank fragt sich natürlich selbst, inwieweit sie die Umwelt schützt, soziale Verantwortung übernimmt und wie sie gute Unternehmensführung lebt. Zur guten Unternehmensführung der Bank gehört etwa die Einhaltung der regulatorisch vorgegebenen Regeln der Anlageberatung. Danach müssen unter anderem Risikotragfähigkeit und Anlageziele des Kunden erfasst und in der Empfehlung berücksichtigt werden. Diese individuellen Kundenparameter fließen in den  Anlageberatungsprozess ein und modulieren letztlich die Auswahl geeigneter ESG-Produkte.

Von zentraler Bedeutung für eine Anlageberatung sind Algorithmen der Portfolioanalyse, die die Wechselwirkungen der in einem Portfolio enthaltenen Titel zueinander berücksichtigt. Die dafür verwendete moderne Portfoliotheorie „verarbeitet“ die o.g. Parameter und kann zusätzliche Steuerungsgrößen wie etwa Modellportfolio-Verteilungen oder Assetklassen-Yields als Nebenbedingung berücksichtigen und kommt dann zu einem effizienten Portfolio, das die gewünschte Rendite mit einem Minimum an Risiko erreicht.

Möchte man eine bestehende Beratung nachhaltig umbauen, gibt es dafür eine Reihe von Ansatzpunkten. Eine vergleichsweise einfache Methode besteht darin, am Ende eines bestehenden Anlageberatungsprozesses die Empfehlungen mit einem Nachhaltigkeitsscore zu belegen und damit ein zusätzliches „Sortierkriterium“ für die resultierenden Empfehlungen einzuführen. Weitergehende Prozessanpassungen können in der Einführung einer Assetklassen-Systematik bestehen, die nachhaltige Kriterien berücksichtigt. Das ist möglich auf der Ebene bestehender Assetklassen, oder aber es werden die bestehenden Assetklassen beibehalten und um nachhaltige, alternative und damit vom Kunden wählbare Zwillinge ergänzt werden.

Herausforderungen durch zusätzliche Nebenbedingungen

Jenseits dieser und anderer Modelle der Erweiterung klassischer Portfolioberatung um nachhaltige Aspekte soll nicht verschwiegen werden, dass es einige Herausforderungen gibt, für die keine Standardlösung existiert. So wird etwa durch eine Einschränkung des zur Verfügung stehenden Wertpapieruniversums die Möglichkeit zur Bildung effizienter Portfolios stark eingeschränkt. Beck und Layes (2019) reflektieren diesen Aspekt neben weiteren spannenden Sachverhalten in einem sehr empfehlenswerten Handbuchbeitrag zum Zusammenhang zwischen Portfoliotheorie und nachhaltigem Investieren.

Beispielhaft hervorgehoben werden soll die positive Wirkung nachhaltiger Unternehmensführung auf die Aktie eines Unternehmens. Während der Effekt auf die Aktie positiv sein dürfte, wird der Effekt für die Anleihe desselben Unternehmens negativ sein, weil die geforderten Anleihezinsen niedriger und damit für den Investor weniger attraktiv sind. Es scheint im Lichte dieser und anderer methodischer Herausforderungen nicht überraschend, dass beim Vergleich von Portfolios mit und ohne ESG-Investments ein heterogenes Bild besteht. Die inhaltlich bescheidene, gleichwohl umfangreiche Datenlage macht leider deutlich, dass zu diesem wichtigen Thema der Bedarf nach qualitativ hochwertigen Studien nach wie vor groß ist.

Lösungen für das Handling der erhöhten Komplexität 

Die Kernkompetenz von tetralog liegt in der intelligenten algorithmischen Abbildung der Interaktion zwischen Kunde und Institution. Wir haben modulare Lösungen für die Integration nachhaltiger Strategien und Produkte in die Beratungsumgebung und freuen uns auf Austausch und Zusammenarbeit.

München, im Oktober 2020

Dr. Lothar Jonitz

Weiterführende Links:

Wir haben grüne Anlageprodukte für die Zeitschrift Capital in 2020 erstmals getestet. Das Ergebnis: „Grüne“ Anlagen haben noch Verbesserungsbedarf

Blog-Beitrag zu ESG in der Anlegerprofilierung

Andreas Beck, Gabriel Layes, Ethische Investments aus Sicht der Portfoliotheorie
in: Manfred Stüttgen (Hrsg.) Ethik von Banken und Finanzen, Theologischer Verlag Zürich; 2. Auflage (4. Januar 2019)

 

 

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