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Human in the loop: Alte und neue Herausforderungen bei der Geldanlage

Geldanlage

© Joachim Löning

Rational betrachtet ist Geldanlegen schon immer ein Wagnis, dessen Ausgang ungewiss ist. Ex ante sind Investitionsrisiken positiv wie negativ besetzt: Die Chance lockt, doch zugleich droht die Gefahr; Gewinn und Verlust begegnen uns als zwei Seiten einer Medaille. Mit anderen Worten: Bei Investitionsentscheidungen muss die dem Risiko eigene und in Form der Volatilität der Märkte augenscheinliche Ambivalenz kognitiv bewältigt werden, um eine Entscheidung treffen zu können. Denn wer langfristig die Rendite maximieren möchte, muss zumindest kurzfristig Verluste aushalten (können). Auch das muss der Anleger wissen. Und die Folgen der Entscheidungen müssen im Nachhinein, also ex post, nicht zuletzt vor sich selbst verantwortet und gerechtfertigt werden können. So war und ist das an der Börse.

Heute werden Soziologen nicht müde, darauf hinzuweisen, dass unsere Institutionen, an die wir uns gewöhnt haben, ihre Versprechen nicht mehr halten können. Mit Institutionen sind z.B. die großen Versicherungen gemeint, die einst für die Daseinsvorsorge zuständig waren und dabei heute versagen. Vermeintliche Sicherheitsgarantien laufen ins Leere. Selbst die geliebte Lebensversicherung ist den Menschen nicht mehr sicher. Und das hat Konsequenzen für das Erleben und Verhalten der Menschen.

Eine Folge dieses Wandels ist, dass Komplexität und Unsicherheit zuzunehmen scheinen, z.B. ist die Daseinsvorsorge sehr viel voraussetzungsvoller und komplizierter geworden. In Zeiten zunehmender Komplexität und existenziell bedrohlich abnehmender Verlässlichkeit der Vorsorge stellt sich bei vielen Menschen das Gefühl ein, die Kontrolle über das eigene Leben und dessen Planbarkeit zu verlieren. Am Finanzmarkt treten zunehmend, schneller und intensiver (ungeplante) Schwankungen im Marktumfeld auf (Volatilität). Für Wertentwicklungen relevante Ereignisse lassen sich immer weniger vorhersagen, planen und steuern (Unsicherheit). Darüber hinaus nimmt nicht nur die Anzahl der Wechselbeziehungen des Finanzsystems zu, sondern auch deren Unbestimmtheit (Komplexität). Schließlich tritt auch die Mehrdeutigkeit von Entwicklungen im Marktumfeld immer deutlicher zu Tage (Ambiguität). Entsprechend steigen die Anforderungen und Erwartungen an die professionelle Anlageberatung. Unter diesen Umständen fällt es vielen Menschen leichter, keine Anlageentscheidung zu treffen. Denn jede Entscheidung stellt vorhandene Hypothesen über die Welt und das Geld auf die Probe, zudem betrifft sie die eigene Potenz in Form des (Geld-)Vermögens unmittelbar.

Genese von Innovationen für die informierte Entscheidungsfindung

Nicht nur die Finanzwelt, sondern auch die Arbeitswelt ist zunehmend komplex, insbesondere im IT-Umfeld. Auch hier treten Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität immer deutlicher zu Tage. Das passende Akronym zur Beschreibung der neuen Anforderungen gibt es schon: Wir leben in einer VUKA-Arbeitswelt.

Auf der Ebene der Organisation begegnen wir bei tetralog den komplexen Anforderungen in einem transdisziplinären Team, das in agiler Arbeitsweise eine modulare, serviceorientierte Softwarearchitektur entwickelt, die den individuellen Bedarf der Kunden aus der Praxis flexibel adressieren kann und zugleich die Voraussetzungen für innovative Lösungsansätze schafft. Die Gelegenheit, gemeinsam mit Psychologen, Physikern, Mathematikern, Technikern und unseren Kunden aus unterschiedlichen Perspektiven auf dasselbe Problem zu schauen, führt immer wieder zu neuen Ideen und Erkenntnissen.

Das Ergebnis sind professionelle Tools und Services, die komplexe Zusammenhänge anschaulich visualisieren und spielerisch erlebbar machen. Ihre Verwendung unterstützt Berater und Anleger dabei, informierte Entscheidungen unter Ungewissheit möglich zu machen. Die persönliche Wertschätzung und Ansprache des Kunden, die Berücksichtigung des individuellen Vermögens, von Wissensbeständen, Persönlichkeitsstrukturen, Überzeugungen, Interessen und Vorlieben der Anleger, die Analyse der historischen und aktuellen Ereignisse und Entwicklungen der Märkte und Rahmenbedingungen, die Auseinandersetzung mit dem Markt- und Produktwissen der Bank, das Durchspielen und Verproben von Strategien, Taktiken und Szenarien, komplexe Algorithmen, die aus all diesen Inputs individuell angepasste und dabei effiziente Portfolios generieren können, all dies trägt dazu bei, situativ Komplexität zu reduzieren, Risiken zu berechnen, Uneindeutigkeiten zu bewältigen und eine gewisse Gewissheit, dass die Entscheidung unter optimalem Informationsstand getroffen worden ist, möglich zu machen.

Und die Auseinandersetzung mit den Analysen und Ergebnissen schafft ein Risikobewusstsein, ohne das eine qualifizierte Entscheidung für ein Wagnis nicht möglich ist. Risikobewusstseinsbildung impliziert auch die schrittweise Annäherung an die bisweilen schmerzhafte Einsicht, dass die Kontrolle aller Parameter und Randbedingungen komplexer Systeme zwar nicht möglich ist, dass aber erst dieser Sachverhalt als auch das Ausmaß der eigenen Ambiguitätstoleranz genau die Chancen bietet, an denen man als Anleger partizipieren möchte.

Hybride Anlageberatung

Im Prozess der Risikobewusstseinsbildung leisten sowohl der Berater als auch dessen Hilfsmittel und Werkzeuge einen jeweils konstitutiven Beitrag. Denn Mensch und Maschine bilden während der Beratung situativ eine Einheit, etwas Ganzes, das mehr kann als ein Berater allein, sei er Mensch oder Roboter. So wie die Wertpapiere in einem sorgfältig diversifizierten und dabei effizienten Portfolio. Oder wie unsere innovativen Lösungen, die erst durch die agile Verknüpfung transdisziplinärer Wissensbestände, heterogener Daten, komplexer Algorithmen und neuer Technologien in einer skalierbaren Software-Architektur ihr volles Potential entfalten.

Am Ende ist keine Entscheidung ausschließlich rational. Menschen handeln nicht auf der Grundlage von Fakten, sondern auf der Grundlage von Gefühlen und Beziehungen. Für Entschlüsse braucht es folglich mehr als ein Risikobewusstsein, das mit regelbasierten Ansätzen bedient wäre. Stattdessen braucht es nach wie vor Menschen, denen Anleger vertrauen können. Die Interaktion mit Menschen ist die Basis für die Entwicklung eines kohärenten Narrativs, also einer Geschichte, die Anleger mit begründeten Erwartungen und Befürchtungen abholt und mitnimmt, damit diese sich einen Reim auf widersprüchliche Informationen und Szenarien machen können. Solche Geschichten ergeben Sinn und befähigen Anleger dazu, selbst in der Möglichkeit der Krise Chancen zu erkennen und darauf aufbauend individuelle Anlageentscheidungen zu treffen.

Und solche Geschichten wird auch in Zukunft kein Roboter entwickeln und erzählen können.